
Frederieke Behrens und Tobias Pflug übernahmen 2024 die Leitung des traditionsreichen Straßenkunstfestivals „La Strada Bremen“. Im Gespräch erzählen sie, warum 2026 ein besonderes Festivaljahr wird, wie man ein Großereignis mit Herzblut, Brötchen und Ehrenamt am Laufen hält – und wieso es sich lohnt, sich für die Kunst auch mal auf den Boden zu setzen.
Tobias Pflug: Sehr gut, muss man sagen. Wir haben über 30 Gruppen eingeladen, von internationaler Artistik bis zu intimen Formaten in den Wallanlagen. Der Marktplatz wird wieder zu Bremens Wohnzimmer, auf dem Domshof feiern wir mit fantastischen Shows. Und dann gibt’s da noch eine „Secret Show“, für die wir ausschließlich verraten: Sie startet am Sonntagmittag um 12 Uhr. Der Rest bleibt geheimnisvoll. Nur so viel: Es wird magisch.
Pflug: Der Theaterberg ist ein für „La Strada“ neuer Spielort in den Wallanlagen, an der Bischofsnadel. Wir errichten dort ein großes Gerüst mit Trapez, Pole und Hochseil, mitten im Garten. Das wird spektakulär! Für uns ist das ein Experimentierfeld: Wir gestalten dort erstmals eine vollständige Infrastruktur, die auch später für andere genutzt werden kann, als dauerhaften Spielort im Stadtgefüge.
Frederieke Behrens: Und wir gehen auch wieder bewusst in kleinere Quartiere. Im Viertel oder am Mecklenburger Platz etwa bespielen wir die Nachbarschaften, oft gemeinsam mit dem Ökomarkt. Das bringt neues Publikum: Menschen, die zufällig vorbeikommen und dann hängenbleiben. Genau das ist der Spirit von „La Strada“.
Pflug: Ein absolutes Highlight. Künstler:innen aus Südfrankreich, die schon bei den Olympischen Spielen in Paris begeistert haben, eröffnen. Menschen zehn Meter über dem Boden, Livemusik, Bewegung, Licht – und das alles vor der Kulisse von Rathaus, Bürgerschaft und Schütting. Das wird fast metaphysisch.
Behrens: Und dann feiern wir Premiere in der Glocke: die „La Strada“-Gala erstmals im großen Saal! Moderiert wird sie von dem Magierduo Siegfried & Joy, bekannt aus Internet, Fernsehen und Varieté, aber tief verwurzelt in der freien Szene. Sie holen die Magie der Straße auf die Bühne, und das Publikum kann erleben, wie unterschiedlich dieselben Künstler auf Asphalt und im Konzertsaal wirken.

Frederieke Behrens und Tobias Pflug bei den Vorbereitungen zum "La Strada"-Festival 2026.
Behrens: Wir sichten auf Festivals in ganz Europa. Früher bekam man CD-ROMs, heute scannen wir per Link – aber die Livewirkung bleibt entscheidend. Eine Show muss in Bremen funktionieren, im Stadtraum, auf den Plätzen. Wir achten auf Vielfalt – Akrobatik, Clownerie, Erzählkunst, Musik – und auf Qualität. Viele Arbeiten sind Premieren, etwa die neue Produktion von Blaumeier, die hinter dem Wilhelm-Wagenfeld-Haus gezeigt wird. Wir setzen auf bremische Exzellenz, die sich international sehen lassen kann.
Pflug: Das Schöne: Wir haben viel Fachpublikum, das wiederum Bremer Künstler:innen sichtet. So ist „La Strada“ ein wesentlicher Netzwerkort der europäischen Festivalszene. Und wir verbinden es mit Bildung – bei „La Strada macht Schule“ bespielen wir rund 2000 Kinder mit speziellen Mitmachformaten. Das ist oft innerhalb von zwei Tagen ausgebucht!
Behrens: Straßenkunst verändert sich. Wir suchen gezielt Arbeiten, die Geschichten erzählen. Viele Künstler:innen greifen gesellschaftliche Themen auf, mit Humor, mit Artistik, manchmal sehr politisch. Und wir versuchen, diese Vielfalt sichtbar zu machen: als Spiegel dessen, wie wir als Gesellschaft miteinander leben wollen.
Pflug: Dabei geht es uns immer um das Erlebnis: Wie verändert Kunst einen vertrauten Ort? Wenn Menschen zwischen Rathaus und Dom plötzlich in eine andere Welt gezogen werden – dann ist das „La Strada“.
Pflug: Das ist tatsächlich eine Frage der Haltung. Wir setzen auf „natürliche Tribünen“: viele Teppiche am Boden, Familien ganz vorn, dann Bänke und erst dahinter Stehplätze. Wenn die Leute sitzen, entsteht Nähe – und Kinder können sehen. Das trainieren wir gemeinsam mit dem Publikum. Und es funktioniert.
Behrens: „La Strada“ ist barrierearm und nachhaltig konzipiert. Das verdanken wir unseren Vorgänger:innen, aber auch unseren vielen ehrenamtlichen Helfer:innen, den „Engeln“. 80 bis 100 sind jedes Jahr im Einsatz – von der Bühnenbetreuung bis zum Brötchenschmieren.

Behrens: Wir haben eine institutionelle Förderung durch den Senator für Kultur, dazu Projektförderung der Wirtschaftsförderung Bremen. Es ist aber trotzdem jedes Jahr ein Balanceakt. Ohne unseren Förderverein mit über 700 Mitgliedern und starke Partner wie die Sparkasse Bremen ginge es nicht.
Pflug: Und ohne viele kleine Beiträge: von Bäckereien, Kaffeeröstereien, Stiftungen. Bremen-Nord schmierte im letzten Jahr wörtlich die Brötchen fürs Festival – das ist gelebte Stadtgemeinschaft.
Behrens: Und natürlich unsere Engel! Menschen zwischen 20 und 80, die Urlaub nehmen, um zu helfen. Ohne sie wäre dieses Festival schlicht unbezahlbar.
Pflug: Ja, der Hut bleibt Herzstück – er steht für die unmittelbare Wertschätzung. Bremen ist da großartig. Manche Künstler:innen nutzen jetzt QR-Codes oder PayPal. Wir halten uns zudem an die Honorarempfehlungen des Bundesverbands Freier Darstellender Künste. Aber letztlich ist die Interaktion mit dem Publikum unbezahlbar, das ist echte Straßenkunst.
Behrens: Gutes Wetter! (lacht) Aber wir sind vorbereitet: Wir stehen in ständigem Kontakt mit dem Deutschen Wetterdienst, haben Notfallpläne und wissen, dass Bremer:innen selbst bei Regen kommen. Wind ist schlimmer als Regen.
Pflug: Ich wünsche mir, dass das Publikum „La Strada“ neu entdeckt. Sich wieder auf den Boden setzt, hinschaut, staunt. Und dass genau das passiert, wofür La Strada steht: Magie zwischen Menschen, im öffentlichen Raum, mitten in Bremen.
Das Interview führte Martin Märtens.
„La Strada Bremen 2026“ findet vom 11. bis 14. Juni in der Bremer Innenstadt statt.
Die Gala wird erstmals in der Glocke gezeigt.
Mehr Infos sowie das Programm:
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