
Kulturzentrum Schlachthof: Pressesprecherin Elena Tüting und Veranstaltungskoordinatorin Greta Wilhelm im Dialog. Im Gespräch erzählen sie, welchen tieferen Sinn ihnen ihre Arbeit gibt, nach welchen Kriterien ein Programm für den Schlachthof aufgestellt wird und welche Pläne es für den Neubau gibt.

An der Wand im Backstagebereich des Kulturzentrum Schlachthof hängt ein großes Konzertplakat – „die Ärzte 1985 “, daneben eine gemütliche Sofaecke. Eine, die zum Plaudern einlädt. Gesprochen wird heute mit Greta Wilhelm und Elena Tüting, beide seit einigen Jahren Teil des engagierten Teams im Kulturzentrum Schlachthof. Konzerte, Lesungen, Comedyshows, Partys und andere Initiierungen werden durch Projekte in diesen alten Gemäuern erlebbar gemacht. Zum Alltag der Beiden gehört, aber mehr.
Elena Tüting: Ich habe meinen Master in Transnationaler Literaturwissenschaft absolviert, danach an der Uni Bremen gearbeitet und in französischer Literaturwissenschaft promoviert. Währenddessen habe ich schon Pressearbeit für Forschungsprojekte gemacht, sowie Tagungen und Literaturfestivals wie die „Poetry on the road“ mitorganisiert. Als klar war, dass ich nicht an der Uni bleibe, habe ich mich auf die neu geschaffene Stelle für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit hier im Schlachthof beworben – auch, weil ich den Schlachthof schon als Konzertbesucherin kannte. Seit 2021 bin ich jetzt hier.
Tüting: Nicht an mein erstes, aber ich hatte ein Erlebnis, dass bei einem Faber Konzert hängengeblieben ist. Eine Zuschauerin hatte Geburtstag und gefragt, ob sie einen seiner Songs singen darf. Faber wollte das nicht, hat sie am Ende dann doch auf die Bühne geholt und sich selbst ins Publikum gestellt. Alle Menschen, auch Faber selbst, hatten Gänsehaut, als sie das Lied gesungen hat. Totaler Flashmoment.
Greta Wilhelm: Ich bin eigentlich Bewegungspädagogin für Tanz, Gymnastik und Sport, habe aber nie in diesem Beruf gearbeitet, weil die Stellenlage schwierig ist und ich eher andere Interessen im Fokus hatte. Über Jobs in der Gastronomie bin ich in der Golden City Hafenbar gelandet, einem ehemaligen Kulturprojekt in Bremen. Gemeinsam mit meiner Kollegin habe ich das Golden City geleitet und war für das Programm und die Organisation zuständig. Durch eine Freundin kam ich Ende 2023 dann kurzfristig als Aushilfe an den Empfang im Schlachthof – und bin geblieben. Inzwischen sehe ich mich als fester Teil und mache die Raumvermietung, die Verwaltung und arbeite im Booking, sowie in der Programmplanung mit.
Tüting: Ich bin für die gesamte Kommunikation nach außen zuständig: Ich pflege die Webseite, die Social-Media-Kanäle, kündige Veranstaltungen an, plane den Programmflyer für die kommenden zwei Monate und stehe im Austausch mit der Presse. Wir machen Programme für die Kesselhalle, den Magazinboden und den Magazinkeller. Auf der einen Seite gibt es Veranstaltungen, die wir selbst machen und auf der anderen Seite gibt es gibt es Veranstaltende, die sich bei uns einmieten. Unsere eigenen Veranstaltungen werden in der Pressearbeit schon mal priorisiert. Und Zwischendurch gibt es natürlich Veranstaltungen, die uns besonders am Herzen liegen. Außerdem arbeite ich eng mit Greta zusammen, da sie mir viele wichtige Informationen rund um die Veranstaltungen liefert, zum Beispiel die Ticketverkäufe und Pressematerialien.
Wilhelm: Wir sind die beiden Verknüpfungspunkte der Kommunikationskette: bei mir laufen alle Informationen ein und viele organisatorische Fäden zusammen, die Elena nach außen tragen muss. Mein E-Mail-Postfach gibt mehr oder weniger meinen Arbeitsalltag vor, häufig sind es spontane Aufgaben. Ich prüfe, ob Veranstaltungsanfragen zu unseren Werten passen und dann gehen wir in die Terminfindung. Außerdem koordiniere ich Raumbelegungen im Schlachthof, kümmere mich also um die Vermietungen, auch als Teil des Programmteams.
Wilhelm: Wir schauen uns die Veranstaltungsinhalte an und achten darauf, dass sie ins Programm und ins Haus passen: diskriminierende Inhalte jeglicher Form haben auf unseren Bühnen keinen Platz! Das ist einer der Hauptpunkte. Wir freuen uns auch immer über Sachen mit einer klaren, politischen Haltung.
Tüting: Bei den Eigenveranstaltungen achten wir darauf, marginalisierte Gruppen mit einzubeziehen, wie wir es mit dem „FAC-Festival“ getan haben. Die Abkürzung steht für „Femme Art Club“ und versteht sich als Kampfansage gegen die Männerdominanz auf den Bühnen. Bei der Auswahl der Künstler:innen ist uns Geschlechtervielfalt wichtig. Das ist nicht immer machbar, aber wir versuchen es.
Wilhelm: Wir möchten unser Programm möglichst divers abbilden, es gut ausgleichen und dabei verschieden Geschmäcker treffen. Bei Fremdveranstaltungen haben wir beispielsweise keinen Einfluss darauf, da schauen wir, ob es zu uns passt und wann es umsetzbar wäre. Ideen für Eigenveranstaltungen entstehen bei uns oft auch im Team: wir schauen, auf welche Künstler:innen und Projekte wir Bock haben. Besonders spannend sind neue Formate oder Kooperationen, die von an uns herangetragen werden - beispielsweise die Künstlerin „Avelo“, eine in Berlin lebende Transfrau aus den USA, die Comedy macht und über Instagram und TikTok viele Menschen erreicht.
Wilhelm: Immer wieder (beide lachen). Wie welche Veranstaltung verkauft wird, ist manchmal anders, als wir erwartet hätten. Zum Glück können wir da teilweise flexibel mit den Räumen reagieren. Wir machen nicht nur große Konzerte, auch Theaterprojekte oder verschiedene Workshops von unseren Werkstätten. Oft denken wir: „Ach, das war eine super berührende und schöne Veranstaltung.“
Tüting: Es gibt drei große Bereiche bei uns: Veranstaltungen erleben, mitmachen (zum Beispiel in Werkstätten für Kinder und Jugendliche) und mitgestalten, also eigene Kulturveranstaltungen organisieren. Die Medienwerkstatt bietet zum Beispiel Workshops in Film, Hörspiel oder Graffiti an. Auch in der Zeitungswerkstatt und der Theaterwerkstatt gibt es weitere Mitmachangebote.
Wilhelm: Bei begrenzten Räumen bedeutet das immer viel Organisation. Spannend wird es, wenn Künstler:innen für ihre Show ankommen, und nebenan noch ein Theaterworkshop für Kinder läuft (lacht). Überschneidungen lassen sich nicht immer vermeiden.
Tüting: … oder wenn es morgens nach einer Party leider noch nach Bier riecht (lacht).
Wilhelm: Am Anfang war ich sehr aufgeregt, weil der Schlachthof für mich als Bremerin schon immer ein besonderer Ort war. Ich war als Jugendliche häufig hier. Jetzt ist es schönerweise mein Alltag. Ich schätze es sehr, Teil eines engagierten zu sein. Außerdem schaffen wir mit unserer Arbeit positive Erlebnisse.
Tüting: Für mich ist der Schlachthof ein besonderer Ort, weil Menschen aus der Stadt das Gebäude damals für sich erobert haben. Irgendwie habe ich das Gefühl, dieser Spirit ist hier überall sehr präsent. In den letzten Jahren ist außerdem viel mit dem Generationswechsel bei uns im Haus passiert, wir sind ständig im Wandel.
Tüting: Ja, das ist das Ergebnis der Brandschutzsanierung. Auch im Schlachthof wurde in den letzten Jahren viel gebaut, doch dies ist nun zum Glück bald abgeschlossen – teilweise war es sehr laut hier (lacht). Der Neubau entsteht als Ersatz für die bisherigen Werkstatträume. 2018 wurde festgestellt, dass die alten Räume keinen zweiten Fluchtweg haben und nicht barrierefrei sind.
Wilhelm: Der Neubau bietet moderne, barrierefreie Räume, die speziell für die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen sowie für kreative Workshops und Theaterprojekte ausgelegt sind. Ein großer, teilbarer Saal ermöglicht es, parallel verschiedene Angebote und Veranstaltungen durchzuführen. Die Eröffnung des Neubaus ist für den 12. September geplant. Einen Namen haben wir auch schon, dieser ist aber noch ein Geheimnis …
Das Interview führte Anneke Wissmann
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