„Kino ist wie Theater für mich“

„Kino ist wie Theater für mich“

Seit fast vier Jahrzehnten prägt Manfred Brocki die Bremer Kinolandschaft wie kaum ein anderer. Aus dem ehrenamtlichen Kartenverkäufer in der Schauburg wurde der Leiter der Bremer Filmkunsttheater – Atlantis, Gondel, Cinema und Schauburg. Im Gespräch erzählt er von den wilden Anfängen, störrischen Verleihern, seinem Lieblingsfilm und davon, warum Kino für ihn weit mehr ist als ein Ort zum Popcornessen.

07.04.2026

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Manfred Brocki über die Kunst, die vier Bremer Filmhäuser lebendig zu halten – und warum er dort keine Horrorfilme zeigt.


Wie wird man eigentlich Kinoleiter?

(lacht) Das ist eine alte Geschichte, die ich schon oft erzählt habe. Ich war früher ehrenamtlich aktiv in der Schauburg, damals noch ein Verein,  Kulturzentrum e. V. Dienstags saß ich dort an der Kinokasse, habe Tickets verkauft und konnte im Gegenzug so oft ins Kino, wie ich wollte. Das war mein Hobby – und ist es bis heute geblieben. Irgendwann stand der Verein finanziell kurz vor dem Aus. Die Leute waren begeistert, aber Ahnung vom Wirtschaftlichen hatten sie nicht. Da sagten sie: „Da unten sitzt doch dieser Betriebswirt, frag mal den!“ Also habe ich eine Konzeption geschrieben, bin damit zur Bank, und die fand das gut – unter einer Bedingung: Ich müsse Geschäftsführer der neuen GmbH werden. Und so wurde aus dem Kulturverein eine GmbH – und ich vom Kinofan zum Kinochef.

Die Schauburg gibt es schon unglaublich lange . . .

Ja, sie ist eines der ältesten Kinos in Bremen, bald 100 Jahre alt! Ich hoffe, wir feiern das groß im Jahr 2029. Damals war das Haus ein Kino, kein Konzertsaal, wie viele dachten. Nur eine Wand wurde einmal durchtrennt, sonst blieb vieles, wie es war. Heute ist das der ganze Charme: ein Kino mit Geschichte, aber nicht von gestern.

Wie war die Filmlandschaft damals in Bremen?

In den 80ern war die Stadt regelrecht aufgeteilt. Es gab das Europa-Kino, das OT, die UFA – die hatten die großen Majors. Und dann gab’s Atlantis, Gondel und das Filmstudio für die Filmkunst. Die Schauburg konkurrierte damals mehr mit dem Cinema. Erst mit der Zeit – Film für Film – haben wir uns bei den Verleihern etabliert. Ein bisschen Hartnäckigkeit, ein paar gute Zahlen, und irgendwann wollten sie uns die Filme von selbst geben.

Heute leitest du vier Bremer Filmkunsttheater. Was macht diese Arbeit aus?

Viele denken ja, das sei romantisch, ist es aber oft gar nicht. Klar, Filme auswählen, Sichtungen machen, mit Verleihern verhandeln, das ist schön. Aber der Alltag ist auch viel Organisation, Personal, Buchhaltung. Wir sind letztlich ein Wirtschaftsbetrieb mit Herzblut. Trotzdem: Wenn ein Film gut läuft, wenn Leute begeistert rausgehen, dann ist das der schönste Lohn.

Wie weit im Voraus plant ihr das Programm?

Gar nicht so weit, wie man denkt. Viele Filme, die wir bald zeigen, sind noch gar nicht abgedreht. Ich bin regelmäßig bei der „Berlinale“, in München und in Cannes. Dort schaue ich, was passt. Manchmal bekomme ich auch Screenings digital. Aktuell läuft bei uns zum Beispiel 
„Gelbe Briefe“, der „Berlinale“-Gewinner, exklusiv in Bremen. Da muss man mit den Verleihern verhandeln: Wie oft spielt man den Film, wie viele Vorstellungen? Das ist fast schon Tetris mit Zelluloid.

Inzwischen seid ihr ja fast Monopolist in Bremen . . .

(lacht) Ja, ein bisschen. Die Verleiher kommen mittlerweile von selbst auf uns zu. Aber das ist Fluch und Segen: Wir haben ein großes Angebot, aber eben auch viel Verantwortung fürs kulturelle Kino in der Stadt.

Und wie siehst du das „Filmfest Bremen“?

Das wird immer wichtiger. Anfangs war es für uns einfach eine Vermietung, aber mittlerweile erzeugt das Festival viel Aufmerksamkeit für Bremen. Es ist eigentlich erstaunlich, dass eine Stadt wie unsere so lange kein Filmfest hatte. Inzwischen kommen immer mehr Filmschaffende, auch aus Berlin und Hamburg. Und irgendwann, denke ich, wird es selbstverständlich sein, dass Bremen in der Filmszene dazugehört.

Ist Bremen also eine Filmstadt?

Noch nicht. (überlegt) Aber wir haben Potenzial. Es gibt das Filmbüro, Produzenten wie Matthias Greving und eben das „Filmfest“. Wenn die Leute wüssten, was hier alles passiert, würden sie Bremen eher so wahrnehmen. Es fehlt uns nur die öffentliche Wahrnehmung.

Nach welchen Kriterien wählt ihr Filme für euer Programm aus?

Ganz einfach, sie müssen uns gefallen und sie müssen ins Programm passen. Wir sind kein Multiplex und wollen uns unterscheiden. Trotzdem nähern sich Programme manchmal an: „Herr der Ringe“ oder „Harry Potter“ liefen auch bei uns, weil das Publikum das sehen will.

Aber wir spielen fast alles in Originalfassung, machen Retrospektiven, zeigen Arthouse, Klassiker, „Berlinale“-Favoriten. Was wir nie zeigen: Splatter- oder Zombiefilme. Horror ist einfach nicht mein Ding.

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Die Schauburg in den 80er Jahren.

Stimmt es, dass du mal ein Event zu „The Blair Witch Project“ gemacht hast?

Ja! Damals haben wir draußen vor der Schauburg einen kleinen Wald aufgebaut, mit echten Ästen und Laubbergen. (lacht) Da konntest du durch ein Zelt gehen, bevor du ins Kino kamst. Das war richtig Kult. Der Film selbst – na ja – aber das Drumherum war großartig.

In Zeiten von Corona bekam das Streamen einen immer höheren Stellenwert. Wie steht es um eure Kinos aktuell?

Tatsächlich gut! 2019 war das letzte starke Jahr, dann kam Corona – die totale Bremse. Aber jetzt läuft’s wieder. Viele junge Leute kommen zu unseren Klassikervorstellungen – „The Party“, „Victor/Victoria“, „Pulp Fiction“ – und erleben die großen Filme zum ersten Mal auf Leinwand. Das ist die eigentliche Renaissance. Wir sagen oft: Wir sind eher Theater als Kino. Kein Popcorn, kein Dauerknacken, man kommt, setzt sich hin, taucht zwei Stunden ab und geht danach vielleicht noch was trinken. Das Kino ist ein Raum der Konzentration, nicht des Konsums.

Gibt es Filme, die ihr unbedingt noch einmal zeigen möchtet?

Oh ja! „Einer flog über das Kuckucksnest“, den will ich unbedingt wiederbringen – ist gerade gesperrt, wird in 4K neu abgetastet. „Der Pate I“ gehört auch zu meinen absoluten Lieblingsfilmen. Und natürlich „Kill Bill 1 & 2“, die kommen bald als neue Fassung. Solche „Was wir gut finden“-Reihen sind einfach Herzensprojekte. Einmal im Monat zeigen wir Klassiker, die wir selbst lieben und die Leute auch.

Zum Schluss: Wie sicher ist die Zukunft der Bremer Filmkunsttheater?

Sehr sicher, würde ich sagen. Wir verhandeln gerade neue Mietverträge für die nächsten zehn Jahre. Alle Häuser – Atlantis, Gondel, Cinema und Schauburg – haben langfristige Verträge. Und wenn die Schauburg ihr 100-jähriges Bestehen feiert, feiern wir alle mit. Das wird ’ne richtig schöne Party.

 

Das Interview führte Martin Märtens.